Normalerweise ist das ja ein Anlass, zurückzuschauen. Auf Geschichte, auf Erreichtes, auf Traditionen. Sie aber machen etwas anderes. Sie fragen: Quo vadis? Wohin gehst du, Kreis Herzogtum Lauenburg?
Und ich finde: Das ist eigentlich die viel spannendere Frage. Aber: Vielleicht auch die unbequemere. Denn bei einem Rückblick brauchen wir uns nur überlegen, worauf wir stolz sein wollen oder was vielleicht nicht so gelungen war bei dem, was hinter uns liegt. Das ist auch wertvoll und es besteht darüber sicherlich nicht immer Einigkeit. Aber bei der Frage nach der Zukunft müssen wir darüber reden, welche Entscheidungen wir heute treffen – und welche Konsequenzen oder Folgen sie morgen haben.
Ich selbst hatte das Privileg, auf diesen Kreis inzwischen aus ziemlich vielen unterschiedlichen Perspektiven blicken zu dürfen: Ich war Sprecherin des grünen Kreisverbandes, Mitglied einer Grünen Kreistagsfraktion, Mitarbeiterin der Kreisverwaltung. Ich bin bis heute Stiftungsrätin der Stiftung Herzogtum Lauenburg. Und inzwischen darf ich diesen Kreis auch als Landtagsabgeordnete im Schleswig-Holsteinischen Landesparlament vertreten. Ja, und natürlich lebe ich hier, im Süden des Kreises, mitten im Sachsenwald. Und das tatsächlich sehr sehr gerne. Auch das – wie ich finde – ein großes Privileg! Eine Erkenntnis begleitet mich dabei schon ziemlich lange: Den einen Kreis Herzogtum Lauenburg gibt es eigentlich gar nicht. Das Leben am Hamburger Rand ist ein anderes als am Schaalsee. Geesthacht hat andere Herausforderungen als Ratzeburg, Lauenburg oder ein kleines ländliches Dorf am südlichen Rand des Kreises. Wir haben unterschiedlichen Wachstumsdruck und demografischen Wandel. Hochtechnologie und Landwirtschaft. Wir haben den Sachsenwald (der kürzlich ja gerade in der ganzen Republik und auch mehrfach im Parlament Gesprächsthema war. ;-) Wir haben die Elbe, so viele Seen, Moore und Knicks – und gleichzeitig: Flächenkonkurrenz, Klimawandel und große Infrastrukturbedarfe. Und genau deshalb ist die Frage so interessant: Was verbindet uns? Was brauchen wir für ein Gutes Leben hier?
Was wollen und was können wir gemeinsam aus diesem Kreis machen?
Ich finde: Das Programm dieser Kultur- und Umweltwochen gibt darauf schon eine ziemlich gute Antwort. Da geht es um Landschaft und Artenvielfalt, um Landwirtschaft und Ernährung, um das Grüne Band, Streuobstwiesen und Wald. Aber genauso geht es auch um Film, Fotografie, Kunst, Museen, kulturelle Bildung und darum, wie Kinder und Jugendliche sich die Zukunft ihrer Heimat vorstellen. Eine sehr kluge und segensreiche Verbindung. Sie wissen: Ich bin Kulturpolitikerin aus voller Überzeugung und mit Leidenschaft!
Und Kultur und Natur haben im Kern etwas Wesentliches gemeinsam: Sie laden zum Verweilen, zum Einlassen, zum Empfinden ein. Genau das machen sich zum Programm.
Ich freue mich besonders, dass einige der Projekte im Programm auch durch Landesmittel ermöglicht werden. Im Rahmen des Förderprogramms zu 80 Jahre Schleswig-Holstein wird das Zeitzeugenprojekt „Landschaft im Wandel“ der BUND Kreisgruppe unterstützt. Ältere Menschen erzählen, wie sich Knicks, Moore, Wälder, Landwirtschaft und Artenvielfalt seit 1945 verändert haben. Ihre Erinnerungen werden als Audiobeiträge an verschiedenen Orten in der Landschaft zugänglich gemacht. Das ist gelebte Erinnerungskultur mal anders. Auch der Lauenburgische Kunstverein (LKV) verbindet Geschichte mit Gegenwart: Unter dem Titel „Aus der Not eine Tugend“ geht es darum, wie vor 80 Jahren mit knappen Lebensmitteln gekocht und gebacken wurde. Das hat mir damals schon meine Oma, die mit ihren beiden Kindern aus Pommern fliehen musste, als Kind gezeigt: Ich hatte Löwenzahn in meinem Salat und durfte Brennesselspinat genießen. Wir können daraus etwas lernen für unseren heutigen Umgang mit Lebensmitteln, beispielsweise über die Verwendung von Ersatzstoffen. Besonders schön – und da ist wieder die Kultur - die gekochten Gerichte werden fotografiert, aus ihnen soll eine Ausstellung gemacht, die Rezepte dazu in einer kleinen Rezeptsammlung verlegt werden. Eine wunderbare Idee der Wissensweitergabe.
Das sind zwei gute Beispiele dafür, wie Landespolitik im besten Fall funktionieren kann:
Sie muss nicht vorgeben, welche Ideen vor Ort die richtigen sind, sondern sie sollte Bedingungen schaffen, damit gute Ideen vor Ort Wirklichkeit werden. Das gilt für Kultur – und genauso für den Natur- und Umweltschutz. Mit unserer Biodiversitätsstrategie „Kurs Natur 2030“ verfolgen wir in Schleswig-Holstein deshalb einen Ansatz, bei dem es eben nicht reicht, einzelne wertvolle Flächen wie Inseln zu schützen. Wälder, Moore, Seen, Fließgewässer, Knicks und Grünland müssen miteinander verbunden sein. Und das wird hier im Herzogtum sehr konkret. Südlich von Mölln gibt es seit diesem Jahr einen eigenen Kernaktionsraum von „Kurs Natur 2030“. Dort wird ganz praktisch erprobt, wie Naturschutz, Gewässerschutz und Landwirtschaft zusammen gedacht werden können –mit Behörden, Eigentümer*innen und den Menschen vor Ort gemeinsam. Genau solche Verbindungen finden sich auch in Ihrem Programm. Wenn Sie über bedrohte Amphibien und ihre Wanderwege sprechen, dann geht es eben nicht nur um Frösche und Molche.
Es geht um eine grundsätzliche Frage:
Planen wir unsere Straßen, Siedlungen und Landschaften so, dass Natur darin noch funktionieren kann? „Biotopverbund“ ist ja keine abstrakte Naturschutzvokabel. Er entscheidet ganz konkret darüber, ob Arten zwischen ihren Lebensräumen überhaupt noch wandern können.
Auch das Leguminosenprojekt aus dem Programm zeigt sehr schön: Ökologie und regionale Entwicklung sind keine Gegensätze. Vielfältigere Fruchtfolgen, regionale Lebensmittelketten und weniger Abhängigkeit von Stickstoffdüngung können ökologische und wirtschaftliche Chancen miteinander verbinden. Das halte ich gerade für das Herzogtum Lauenburg für entscheidend.
Unsere Seen, Wälder, Moore, Knicks und die Elblandschaft sind kein Luxus, den wir uns neben wirtschaftlicher Entwicklung leisten. Sie sind ein Teil unseres Wohlstands! Sie bedeuten Lebensqualität, Erholung, Tourismus, Artenvielfalt – und sie machen diesen Kreis zu dem Ort, der er ist.
Deshalb sind Kultur und Umwelt auch keine zwei abstrakten Themen, die wir nebeneinanderstellen. Bei beiden geht es eigentlich um dieselbe Frage: Was wollen wir bewahren – und was müssen wir verändern? Und als Grüne Landespolitikerin sage ich ausdrücklich: Bewahren darf nicht heißen, alles so zu lassen, wie es immer war. Und Veränderung darf nicht heißen, das, was uns ausmacht, einfach preiszugeben. Ein Wald, der mit dem Klimawandel nicht zurechtkommt, ist nicht geschützt, nur weil wir nichts tun. Eine Kulturlandschaft, die wir nur als schöne Kulisse betrachten, aber ihre ökologischen Grundlagen verlieren lassen, ebenso wenig. Und auch eine Kultureinrichtung ist nicht allein dadurch zukunftssicher, dass es sie schon lange gibt. Sie muss Menschen erreichen und dafür muss sie offen sein und sich entwickeln können.
Zukunftsfähig ist niemals, was bleibt wie es schon immer war. Zukunftsfähig ist das, was sich verändern kann, ohne seine Identität zu verlieren.
Und dann ist da noch eine Frage in Ihrem Programm, die ich besonders spannend finde:
„Welche politischen Entscheidungen wollen wir mittragen?“ Und „Mittragen“ heißt für mich nicht: Politik entscheidet und erklärt anschließend möglichst freundlich, warum die Entscheidung so getroffen wurde. Mittragen heißt: Menschen müssen darüber miteinander sprechen und mitreden können. Auch wenn sie kein politisches Amt oder Mandat haben. Gerade vor Ort gibt es unglaublich viel Wissen, Erfahrung und fachliche Kompetenz. Und Mitreden heißt manchmal eben auch: widersprechen. Deshalb finde ich es gut, dass sich dieses Forum ausdrücklich als Ort der kritischen Auseinandersetzung mit Kultur- und Umweltpolitik versteht. Und deshalb möchte ich Sie beim Wort nehmen: Sie wollen die Ergebnisse dieser Wochen an Politik und Verwaltung weitergeben. Tun Sie das! Und machen Sie es uns ruhig ein bisschen unbequem.
(Es sind ja auch einige Kolleginnen und Kollegen hier, ich spreche hoffentlich in unser aller Namen ;-)) Sagen Sie uns, wo wir zu langsam sind. Wo wir etwas übersehen. Und wo es vor Ort Ideen gibt, auf die „die Politik“ noch gar nicht gekommen ist. Denn: Politik hat nicht das Monopol auf gute Ideen! Das zeigt dieses Programm sehr eindrucksvoll. Vom Kinderkunst-Wettbewerb über die Kugelbahn bis zur Wildkatze, von Hülsenfrüchten bis zum Grünen Band steckt darin etwas, das ich für unseren Kreis besonders wichtig finde:
Menschen warten nicht darauf, dass jemand „von oben“ Zukunft organisiert. Sie fangen selbst an. Und vielleicht ist das die stärkste Antwort auf die Frage „Quo vadis?“: Die Zukunft dieses Kreises entsteht nicht irgendwo. Sie entsteht hier.
Und sie entsteht durch diejenigen von Ihnen, die sich einmischen!
Nach 150 Jahren darf man seinem Kreis zum Geburtstag gratulieren. Aber mindestens genauso wichtig ist die Frage, wie wir dafür sorgen, dass er auch in 25, in 50 oder vielleicht sogar in weiteren 150 Jahren ein Ort ist, an dem Menschen gerne leben. Ein Ort mit einer lebendigen Kultur. Mit einer intakten Natur. Mit Menschen, die sich einmischen, Verantwortung übernehmen und gemeinsam etwas bewegen.
Ich wünsche Ihnen deshalb viele neugierige Besucher*innen, kontroverse Debatten, ungewöhnliche Ideen – und durchaus auch ein bisschen Streit um den richtigen Weg. Denn die eine einzige Antwort wird es vermutlich nicht geben.
Und damit sind wir wieder bei der Frage, mit der Sie gestartet sind: Kreis Herzogtum Lauenburg – quo vadis? Ich bin gespannt auf Ihre Antworten.