Grußwort auf dem Marktplatz in Ratzeburg zur Kampagne des Landesverbands der Musikschulen in Schleswig-Holstein e.V.
Lieber Herr Henze,
Liebe Frau Klinke,
Liebe Rhea Richter,
Lieber Ian Mardon
Liebe Cira Ahmad,
Liebe Freundinnen und Freunde der Kreismusikschule,
vielen Dank für die Einladung – und vor allem für diesen musikalischen und unüberhörbaren Empfang! Wir haben gerade erlebt, was Musik ausmacht:
Bei einem Orchester oder einer gemeinsamen Trommelaktion kann niemand einfach nur für sich spielen. Man muss zuhören, den eigenen Einsatz finden, aufeinander reagieren und gemeinsam den Rhythmus halten. Eigentlich auch ein ziemlich gutes Bild für Politik, finde ich.
Auch in der Politik gelingt etwas nur, wenn Land, Kreis, Kommunen gut zusammenspielen. Und das ist uns in den vergangenen zwei Jahren ziemlich gut gelungen, finde ich. Aber wie in der Musik reicht es auch hier nicht, wenn eine Seite den Takt vorgibt und die anderen sehen müssen, wie sie hinterherkommen… Der Landesverband der Musikschulen (LvdM) und Landesmusikrat (LMR) mussten uns da zwischendurch mit einem unüberhörbaren musikalischen Protest vor dem Landeshaus auch mal wieder in den Takt bringen. ;-) (einige von uns werden sich daran erinnern), aber alles in allem klingt es aktuell ganz gut miteinander, würde ich sagen.
Wir stehen vor großen Aufgaben in einer Zeit extrem angespannten Haushaltslagen. Hier bei unserer Kreismusikschule wird das besonders deutlich: 51 der 65 Lehrkräfte (also mehr als drei Viertel - wir haben es gerade gehört) arbeiten aktuell auf Honorarbasis. Damit sind wir hier im Vergleich zum Rest des Landes leider einsamer Spitzenreiter. Die Umstellung auf feste Beschäftigungsverhältnisse würde rund 540.000 Euro zusätzlich im Jahr kosten. Kein Betrag, den eine Musikschule mal eben so nebenbei erwirtschaften, oder den der ebenfalls extrem angespannte Haushalt mal eben so aus der Portokasse nehmen kann.
Wir haben letztes Jahr ein Musikschulfördergesetz für Schleswig-Holstein beschlossen.
Auch wir Grüne haben uns lange dafür eingesetzt, dass Schleswig-Holstein endlich einen verbindlichen gesetzlichen Rahmen für seine öffentlichen Musikschulen bekommt. Das Gesetz schafft erstmals klare Qualitätsstandards und bessere Voraussetzungen für qualifizierte und verlässlich beschäftigte Lehrkräfte. Und mit dem Haushaltsentwurf für 2027 stärken wir die musikalische Infrastruktur im Land weiter:
Insgesamt steigt die Musikförderung um rund 143.000 Euro auf 4,77 Millionen Euro. Der Landesmusikrat erhält 65.000 Euro zusätzlich; den Landesverband der Musikschulen stärken wir strukturell und stellen zusätzlich 50.000 Euro für die studienvorbereitende Ausbildung bereit. Angesichts des notwendigen Konsolidierungskurses des Landes - bis 2030 müssen wir 1 Milliarde Euro einsparen - gar nicht so geringe Summen, wie es auf den ersten Blick scheint. Außerdem wird das Kompetenzzentrum für musikalische Bildung (kmb.sh) für weitere drei Jahre finanziell abgesichert und die Arbeit von dem Netzwerk PopNet SH seit diesem Haushaltsjahr aus Landesmitteln zu 100% strukturell gefördert. Das Ziel ist ein tragfähiges Netz – von der ersten Begegnung mit einem Instrument über Breiten- und Nachwuchsförderung bis hin zu einer starken und vielfältigen Musik- und Popkulturellen Landschaft in Schleswig-Holstein. Ich denke, da sind wir im Gleichklang auf einem guten Weg. Das Gesetz und der Haushaltsentwurf sind wichtige Schritte, aber definitiv noch keine fertige und perfekte Lösung. Entscheidend wird sein, wie sie vor Ort wirkt!
Ich bin ja heute in einer doppelten Rolle hier: als kulturpolitische Sprecherin der Grünen Landtagsfraktion – und als Abgeordnete aus dem Herzogtum Lauenburg, diese Region sehr gut kennt. Ich kenne die kommunale Perspektive aus meiner eigenen beruflichen und kommunalpolitischen Arbeit. Und ich weiß: Was wir im Landtag beschließen, muss am Ende vor Ort auch funktionieren. Gerade in einem Flächenkreis wie dem Herzogtum Lauenburg bekommt das Motto „Musikschulen verbinden“ eine ganz besondere Bedeutung.
Denn der Zugang zu musikalischer Bildung darf weder von der Postleitzahl, noch von der Herkunft, noch vom Geldbeutel der Eltern abhängen. Öffentliche Musikschulen sind fester Bestandteil unserer Bildungslandschaft, sie sind unsere kulturelle Daseinsvorsorge. Hier entdecken Kinder vielleicht zum ersten Mal das Instrument, das zu einem treuen Begleiter in ihrem Leben wird, mit dem sie unzertrennlich werden und das ihnen vielleicht sogar später den Weg in eine berufliche Zukunft ebnet.
Daseinsvorsorge auch, weil sich Menschen unterschiedlichen Alters, unterschiedlicher Herkunft und mit ganz verschiedenen Erfahrungen in der Musik begegnen können, beim gemeinsamen Singen bei uns in Wohltorf am Tonteich oder im privaten Blockflötenkreis meiner Nachbarin. Sie lernen, einander zuzuhören, gemeinsam etwas zu entwickeln und Verantwortung für das Ganze zu übernehmen. Musikschulen vermitteln also nicht nur Töne, Technik und Rhythmus. Sie vermitteln auch Selbstvertrauen, Kreativität und Gemeinschaft. Dafür leisten die Kreismusikschule und ihre Lehrkräfte jeden Tag Außerordentliches!
Viele von Ihnen tun das seit Jahren mit großer Begeisterung, hoher fachlicher Kompetenz und einem persönlichen Einsatz, der sich in keinem Haushaltsplan vollständig abbilden lässt. Dafür und auch für diese unfassbar engagierte Tour mit diesem fantastischen, mehrdeutigen Motto – und die großartige Social Media Arbeit dazu - möchte ich Ihnen ganz herzlich danken! Aber unsere Wertschätzung darf nicht beim Applaus stehen bleiben. Sie muss sich in verlässlichen Arbeitsbedingungen zeigen. Gute Arbeit darf nicht weniger musikalische Bildung bedeuten – und mehr Qualität darf nicht zu weniger Teilhabe führen. Für uns Grüne gehören beide Ziele untrennbar zusammen. Und damit bin ich wieder beim Anfang meines Grußwortes: Wir brauchen eine faire Verantwortungsteilung zwischen dem Land, den Kommunen und den Trägern. Unser langfristiges Ziel muss eine Drittelfinanzierung durch Land, Kommunen und durch sozial verträgliche Elternbeiträge sein.
Dabei ist mir das Wort „sozialverträglich“ besonders wichtig.
Musikalische Bildung darf niemals ein Privileg einiger weniger sein!
Wir brauchen Sozialstaffeln, Stipendienmöglichkeiten und eine einfachere Nutzung der Leistungen aus dem Bildungs- und Teilhabepaket, damit kein Kind aus finanziellen Gründen ausgeschlossen wird.
Und wir müssen die Musikschulen noch stärker als Partner unserer Kitas, Schulen und Ganztagsangebote begreifen. Der Ausbau des Ganztags ist eine große Chance für mehr musikalische Bildung – aber nur, wenn Musik dort nicht als gelegentlicher Lückenfüller eingesetzt wird.
Musikschulen müssen verlässliche Partner sein: mit qualifiziertem Personal, angemessener Bezahlung und Angeboten, die auch außerhalb des Ganztags weiterbestehen. Mit unserem Musikschulfördergesetz haben wir einen ersten wichtigen Schritt getan. In der kommenden Legislatur wollen wir die öffentlichen Musikschulen finanziell stabilisieren, die gemeinsame Finanzierung mit den Kommunen neu ordnen und Kultur insgesamt stärker als öffentliche Daseinsvorsorge absichern.
Copyright: LVdMSH, Foto: Matzen Ich werde Ihnen heute nicht versprechen, dass ich einen Förderbescheid über 540.000 Euro im Geigenkoffer packe, nach Kiel mitnehmen und unterschrieben zurückbringen kann. Das wäre nicht seriös. Aber ich kann Ihnen versprechen: Ich nehme die Botschaft mit, dass diese Aufgabe nicht allein in Ratzeburg und nicht allein beim Kreis gelöst werden kann. Sie gehört auf die landespolitische Agenda – dort werde ich mich auch weiterhin für eine tragfähige Lösung einsetzen. Dieser Geigenkoffer reist durch Schleswig-Holstein und sammelt die Erfahrungen, die Wünsche und auch die Sorgen der Musikschulen. Ich gebe ihm heute aus Ratzeburg drei zentrale Botschaften mit:
1. Verlässliche Arbeitsbedingungen für alle Lehrkräfte.
2. Musikalische Bildung für alle – unabhängig von Wohnort, Herkunft und Einkommen.
3. Eine faire gemeinsame Verantwortung für die Finanzierung.
Copyright: LVdMSH, Foto: MatzenMusikschulen verbinden!
Damit diese Verbindung trägt, braucht sie nicht nur Begeisterung, sondern verlässliche Strukturen. Vielen Dank an alle, die heute hier sind, die diese Aktion organisiert haben – und die jeden Tag dafür sorgen, dass im Herzogtum Lauenburg Musik nicht nur gehört, sondern gemeinsam gemacht wird.
Copyright: LVdMSH, Foto: Matzen