Mein Impulsvortrag beim Wirtschaftsrat der CDU Schleswig-Holstein
Einen Nachbericht zur Veranstaltung ist hier zu finden: Wirtschaftsrat diskutiert mit Uta Röpcke MdL über die wirtschaftliche Bedeutung von Kultur in Schleswig-Holstein
Sehr geehrter Herr Osterhoff,
Sehr geehrte Damen und Herren,
ich bedanke mich ganz herzlich für die Einladung und die Möglichkeit, heute hier bei Ihnen reden zu dürfen.
Sie mögen sich Fragen: Warum über Kulturpolitik sprechen?
Ich halte Kulturpolitik für ein zentrales, aber leider noch immer viel zu wenig beachtetes Politikfeld. Nicht zuletzt deshalb bin ich seit etwa vier Jahren auch ehrenamtlich im Bundesvorstand der überparteilichen Kulturpolitischen Gesellschaft tätig.
Vor etwa einem Jahr stand an dieser Stelle meine geschätzte Kollegin Anette Röttger. Sie hat hier erklärt, warum Kultur die Wirtschaft braucht. Dem widerspreche ich überhaupt nicht.
Ich würde die These nur etwas anders formulieren: Kultur ist Wirtschaft. Und genauso, wie wir in unsere Wirtschaft investieren, müssen wir auch in kulturelle Infrastruktur investieren. Daher hier meine 2 zentralen Thesen: Wirtschaft braucht Kultur. Kultur ist Wirtschaft.
Eine kleine Schätzfrage für Sie: Wie hoch, glauben Sie, war 2023 der Umsatz der Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland? Und wie viele Menschen arbeiten eigentlich in dieser Branche? Die Antwort lautet:
Rund 205 Milliarden Euro Umsatz. Dazu rund 123 Milliarden Euro Wertschöpfung, das sind 3,3 Prozent der gesamten deutschen Bruttowertschöpfung.
Und fast zwei Millionen Erwerbstätige in rund 238.000 Unternehmen und selbstständigen Existenzen.
Sie sind überrascht? Wenn wir von der Kultur- und Kreativwirtschaft sprechen, geht es nicht nur um Theater, Museen und Orchester. Es geht auch um Architektur und Design, Film und Buchmarkt, Presse, Werbung, Musik, darstellende Künste – und um die Software- und Gamesindustrie.
Bei Kultur ausschließlich in Förderlogiken und Sponsoring zu denken, geht meiner Ansicht nach an der Realität vorbei. Wenn wir über Wirtschaftspolitik sprechen, sprechen wir völlig selbstverständlich über Industrie, Energiepreise, Mittelstand, Fachkräfte, Bürokratie und Verkehrsinfrastruktur.
Viel seltener sprechen wir darüber, dass auch jemand, der ein Computerspiel entwickelt, ein Buch gestaltet, einen Film produziert, ein Festival auf die Beine stellt oder als Architektin arbeitet, Wertschöpfung schafft, Arbeitsplätze sichert und Steuern zahlt.
Und damit zurück zu uns nach Schleswig-Holstein. Wie sehen eigentlich bei uns die Zahlen aus? Die ernüchternde Antwort lautet: Wir wissen es nicht. Denn: Für Schleswig-Holstein als Ganzes werden diese Zahlen schlicht nicht systematisch erhoben. Glücklicherweise hat sich die IHK zu Lübeck – ganz maßgeblich auch mit Dietmar Baum – auf den Weg gemacht und erstmals die Kultur- und Kreativwirtschaft im Hansebelt untersuchen lassen. Wir haben also immerhin für Lübeck und die Kreise Herzogtum Lauenburg, Ostholstein, Segeberg und Stormarn erstmals einen wirklich belastbaren Einblick. Das Ergebnis: Rund 18.700 Erwerbstätige, 2.785 Unternehmen und Selbstständige und rund 1,2 Milliarden Euro Umsatz. 3,1 Prozent aller Erwerbstätigen der Region sind in der Kultur- und Kreativwirtschaft tätig. Und die Wertschöpfung ist erheblich: Am größten ist sie bei Software und Games. Direkt danach kommt bereits die Filmwirtschaft, dann die Architektur. Sie finden die Zahlen in Details auf der Website der IHK Lübeck, ich kann einen Blick in die Studie sehr empfehlen.
Ich finde diese Zahlen deshalb so interessant, weil wir in der Kulturpolitik sehr viel über den Wert von Kultur für Gesellschaft, Demokratie und Zusammenhalt sprechen. Aber erstaunlich wenig über ihre Wertschöpfung. Und schon gar nicht in Kategorien von „Return on Invest“.
Wenn Sie ein Beispiel aus Schleswig-Holstein möchten, bei dem wahrscheinlich kaum jemand spontan „Kultur- und Kreativwirtschaft“ denkt: CPI Clausen & Bosse in Leck.
Eine der großen Buchdruckereien Deutschlands. Millionen gedruckte Bücher, erhebliche Umsätze, Arbeitsplätze bei uns im Norden.
Und damit bin ich bei einem Bereich, der mich in diesem Sommer besonders beschäftigt hat: Literatur, Buchbranche und Buchhandel. Ich war zu Beginn der Ferien auf meiner politischen Sommertour ganz bewusst in kleinen, inhabergeführten Buchhandlungen unterwegs – bei preisgekrönten und auch bei solchen, die diesmal bei der Preisvergabe leer ausgegangen sind. Ich nehme an, einige von Ihnen haben die politischen Debatten rund um den Deutschen Buchhandlungspreis vor der Sommerpause verfolgt. Darauf einzugehen, würde hier den Rahmen sprengen – aber darüber können wir hinterher sehr gern reden. Was mich bei diesen Besuchen beeindruckt hat: Buchhandlungen zeigen sehr anschaulich, wie wenig hilfreich es ist, Kultur und Wirtschaft gegeneinanderzustellen. Denn: Das sind kleine Unternehmen. Sie zahlen Miete und Gehälter, kaufen Ware ein und müssen wirtschaftlich bestehen. Aber gleichzeitig sind sie etwas, das kein Online-Shop ersetzen kann: Treffpunkt, Beratung, Kulturort, Veranstalter – manchmal fast ein kleines öffentliches Wohnzimmer mitten im Ort. Ich habe bei meiner Tour und den Gesprächen auch sehr viel darüber gelernt, was Marktkonzentration konkret bedeutet. Wenn große Ketten Verlage oder Beteiligungen übernehmen und damit zunehmend Einfluss darauf gewinnen, was prominent sichtbar wird, ist das zunächst ein legaler Vorgang und wirtschaftliche Marktpraxis. Aber wir sollten uns fragen, was das für den gesamten Buch- und Literaturmarkt bedeutet.
Denn: Wettbewerb garantiert noch keine Vielfalt. Und Marktmacht ist nicht dasselbe wie Effizienz. Wenn am Ende hauptsächlich verkauft wird, was mit viel Geld vermarktet wird, verlieren wir nach und nach kleine Verlage, (noch) unbekannte Autorinnen und Autoren – und am Ende verlieren wir kulturelle Vielfalt. Das ist übrigens einer der Punkte, an denen ich als Grüne vermutlich etwas marktskeptischer bin als manche hier im Raum. Aus meiner Sicht braucht ein Markt Regeln, wenn er Wettbewerb erhalten soll. Sonst setzt sich irgendwann nicht das beste Angebot durch, sondern schlicht der größte Anbieter. Und wir alle entscheiden dabei mit:
Niemand muss sein Buch bei Amazon bestellen!
Dank Buchpreisbindung kostet ein Buch in der kleinen Buchhandlung vor Ort grundsätzlich dasselbe. Und häufig ist es schon am nächsten Tag da. Das ist dann übrigens auch Wirtschaftsförderung – nur ohne Förderbescheid (weil sie Ihr privates Geld vor Ort ausgeben). Bekannt geworden ist mir dabei jedoch auch, dass sogar teilweise die öffentliche Hand nicht automatisch lokale Beschaffung als Grundsatz hat. Das ist natürlich auch ein Problem. Und damit kommen wir zu der Frage, was eigentlich passiert, wenn der Staat in Kultur „investiert“. Wir sprechen bei Kultur ja meistens über „Förderung“ oder „Zuschuss“. Als ob das Geld anschließend irgendwie verschwände. Wie wenig das stimmt, zeigt der letzte Jahresbericht unserer MOIN Filmförderung Hamburg/Schleswig-Holstein sehr anschaulich: 2025 wurden 60 „geförderte“ Produktionen abgeschlossen und abgerechnet. Dafür wurden 7,6 Millionen Euro öffentliche „Fördermittel“ eingesetzt. Diese Produktionen haben anschließend 22,4 Millionen Euro in Hamburg und Schleswig-Holstein ausgegeben.
Aus einem Euro Filmförderung wurden also 2,94 Euro regionale Ausgaben. Bei Filmschaffenden, Technikfirmen, Hotels, Gastronomie, Handwerk und Dienstleistern.
Ich habe in diesem Sommer auch die Flensburger Produktionsfirma von Dorsch besucht. Dort gibt es ein Studio mit einer Ausstattung, die Sie zwischen Hamburg und Aarhus so nicht noch einmal finden. Der Inhaber Jacob Grünig – ursprünglich übrigens Grafikdesigner – hat mir erzählt, wie das Unternehmen seit 2020 versucht, die Filmwirtschaft in Schleswig-Holstein zu stärken.
Wussten Sie beispielsweise, dass die ZDF-Serie „Dr. Nice“ unter anderem an der Flensburger Förde gedreht wird? Warum sollten wir diese Wertschöpfung Hamburg, Berlin oder anderen Standorten überlassen, wenn wir mehr davon auch in Schleswig-Holstein halten können?
Natürlich funktioniert nicht jede Kulturförderung exakt nach dem MOIN-Schlüssel. Aber genau deshalb sollten wir Investitionen in Kultur und kulturelle Infrastruktur grundsätzlich nicht völlig anders behandeln als Investitionen in andere Wirtschaftsbereiche. Bei einer Gewerbefläche sprechen wir von Standortentwicklung. Bei einem Technologiezentrum von Innovation. Und bei Kultur von Förderung?
Ich halte diese gedankliche – und oftmals eben auch politische – Trennung für nicht mehr zeitgemäß. Das bedeutet für mich, dass wir uns dringend damit aktiv politisch beschäftigen müssen. Und gleichzeitig gibt es gerade eine Entwicklung, die sehr gut zeigt, wie verletzlich Teile (nicht nur) dieser Branche sind: Die Entwicklung und der Einsatz von Künstlicher Intelligenz. Denn auch darüber haben die Buchhändlerinnen und Buchhändler mit mir gesprochen. Es ist ein Thema, das sie aktuell sehr bewegt. Gesprochen haben wir über KI-generierte Bücher, deren vermeintliche Autorinnen und Autoren mit Foto und Namen auf dem Klappentext auftauchen – nur dass diese Personen gar nicht existieren. Über massenhaft generierte Ratgebertexte, zugeschnitten auf Infos, die häufig aus individueller Suchmaschinennutzung gespeist sind. Ähnliche bedenkliche Entwicklungen sehen wir in Grafikdesign, Film, Bildender Kunst, Fotografie und Musik.
Um das deutlich zu sagen: Ich bin KI gegenüber durchaus positiv eingestellt. Ich habe dazu bereits 2024 eine Initiative in den Landtag eingebracht. Aber wir sollten trotzdem fragen: Wer bezahlt eigentlich die Rechnung für diese Entwicklung? Ist das Ergebnis davon eigentlich etwas, das wir wollen? Sie haben vielleicht die Diskussion um Bundestagspräsidentin Julia Klöckner vor wenigen Tagen mitbekommen. Sie hat zum Schulanfang auf Instagram ein KI-generiertes Bild veröffentlicht. Der Künstler Oliver Schäfer kommentierte, das sei „ein Schlag ins Gesicht jedes Kulturschaffenden in Deutschland“, und fragte, warum für einen solchen offiziellen Beitrag nicht eine Grafikerin, ein Illustrator oder eine Fotografin beauftragt werde. Ich finde diese Frage völlig berechtigt. Denn wenn eine der höchsten Repräsentantinnen unseres Staates kreative Leistungen durch KI ersetzen lässt und wir gleichzeitig darüber reden, wie wir die deutsche Wirtschaft wieder in Schwung bringen, dann gibt es irgendwo einen Bruch in der Argumentationskette. Der Kommentar wurde zunächst gelöscht, Oliver Schäfer blockiert. Nach erheblicher öffentlicher Resonanz und einem ebenfalls auf Social Media veröffentlichten Offenen Brief an Julia Klöckner wurde die Blockierung aufgehoben und inzwischen gibt es ein Gesprächsangebot ihrerseits. Den Rest der Geschichte können Sie im Spiegel nachlesen. Viel entscheidender aber als der Instagram-Streit ist für mich die wirtschaftspolitische Frage: Wenn das BKM sonntags die Kultur- und Kreativwirtschaft lobt und montags die Bundesregierung ihre Aufträge durch KI bearbeiten lässt, stimmt etwas nicht. Und wenn „Innovation“ am Ende bedeutet, dass wir diejenigen nicht mehr bezahlen, deren Werke zuvor zum Training genau dieser Systeme beigetragen haben, dann haben wir ein grundsätzliches Problem. Dann gefährden wir womöglich genau die wirtschaftliche Basis, über deren Stärkung wir gleichzeitig reden. Ganz abgesehen von den Fragen nach Urheberrecht, Wettbewerb und fairer Wertschöpfung.
Genau darüber wollen wir am 1. September bei unserer zweiten Veranstaltung „Kultur.Meer.Wert“ im Landtag diskutieren: Kulturschaffende, Kreativwirtschaft, klassische Wirtschaft und Politik gemeinsam. Sie sind dazu auch herzlich eingeladen!
Einen letzten Punkt möchte ich ansprechen, weil er zeigt, wo eine rein betriebswirtschaftliche Betrachtung zu kurz greift: Die Festivals in unserem Land. Kleine und mittlere Festivals geraten aktuell massiv unter Druck. Personal, Technik, Energie, Sicherheit – alles wird teurer. Gleichzeitig können Eintrittspreise nicht beliebig steigen. Sollen also Festivals, die sich nicht rechnen, einfach nicht mehr stattfinden? Sollen wir hier ausschließlich auf die Regulation durch den Markt setzen? Meine Antwort wäre: Der Markt allein bildet ihren tatsächlichen Wert nicht ab. Denn mit einem Festival verschwinden nicht nur ein paar Konzerte. Es verschwinden Aufträge für Veranstaltungstechnik, Gastronomie, Hotels, Künstlerinnen und Künstler und regionale Dienstleistungen. Und es verschwindet etwas, das in unserem Flächenland auch wirtschaftlich immer wichtiger wird: Attraktivität. Warum Menschen hier Urlaub machen. Warum Menschen gern hier leben. Warum Fachkräfte kommen. Warum junge Menschen bleiben. Und warum Unternehmen überhaupt Beschäftigte für einen Standort gewinnen können.
Deshalb mein Plädoyer heute:
Behandeln wir Kultur- und Kreativwirtschaft endlich als das, was sie ist: als Teil unserer Wirtschafts- und Standortpolitik.
Die Hansebelt-Studie ist dafür ein sehr guter Anfang. Aber wir müssten diese Betrachtung auf ganz Schleswig-Holstein ausweiten. Wir brauchen aus meiner Sicht eine landesweite Strategie für Kultur- und Kreativwirtschaft und eine stärkere Bündelung der Zuständigkeiten. Kulturpolitik, Wirtschaftspolitik, Hochschulen, Tourismus und Fachkräftestrategie müssen stärker zusammengedacht werden.
Meine geschätzte Kollegin Anette Röttger hat hier im vergangenen Jahr gesagt:
Kultur braucht Wirtschaft. Ich ergänze heute: Wirtschaft braucht Kultur. Kultur ist Wirtschaft. Und als Grüne stelle ich noch eine These in den Raum – die Sie nicht teilen müssen und über die wir anschließend sehr gern diskutieren können:
Ein starker Markt ist nicht der Markt, in dem der Größte und Stärkste alles bekommt. Ein starker Markt ist der, in dem Vielfalt eine Chance hat!
Darüber diskutiere ich jetzt sehr gerne mit Ihnen.
Vielen Dank.