Warum wir die Kreativwirtschaft neu denken müssen
Schleswig-Holstein – das Land zwischen den Meeren. Menschen kommen wegen der Küsten, der weiten Horizonte, der schönen Landschaften. Aber sie kommen auch wegen der Kultur. Und viele bleiben, weil beides zusammengehört. Kultur zwischen den Meeren ist Mehrwert. Und sie ist mehr wert.
Denn die Kultur- und Kreativwirtschaft ist längst Produktionsort von Zukunft: Sie entwickelt Narrative, bevor Märkte entstehen. Sie schafft Räume, in denen Innovation denkbar wird. Sie verbindet ästhetische Praxis mit ökonomischer Wirkung. Film, Literatur, Architektur, Games, Musik, Design, Darstellende und Bildende Künste – keine Randnotizen der Volkswirtschaft, sondern ihr Experimentierfeld.
Unter dem Motto „Kultur.Meer.Wert." haben Sebastian Bonau und ich als kultur- und wirtschaftspolitische Sprecher*innen der Grünen Landtagsfraktion zu einer Fraktionsveranstaltung eingeladen – und der Abend hat mich noch einmal mehr in der Überzeugung bestärkt: Diese Branche verdient endlich den politischen Stellenwert, den sie längst verdient hat. Warum denken wir Kultur- und Wirtschaftspolitik noch immer getrennt? Zeit, die Horizonte zu weiten.
© Grüne Fraktion SH Was ein einziger Filmdreh bewirkt
Konkret wurde das am Beispiel Film: Ein Dreh im Norden schafft direkte regionale Wertschöpfung für Hotels, Gastronomie und Handwerk, bringt hunderte Arbeitsplätze für Techniker*innen und Kreative, wirkt als Standortmarketing und kurbelt nachhaltig den Tourismus an. Und er treibt durch modernste Postproduktion die digitale Innovation voran. Das ist kein Nischenprojekt – das ist Wirtschaftspolitik.
Dabei lohnt ein genauerer Blick auf die Verbindung zwischen Literatur und Film, die uns am Abend noch einmal besonders deutlich wurde: Viele der großen Arthouse-Filmprojekte, die sich mit der regionalen Identität Schleswig-Holsteins auseinandersetzen, waren Literaturadaptionen – von Amrum über Mittagsstunde bis zu Buddenbrooks und Dorf Punks . Und auch Filme, die zwar in SH gedreht wurden, inhaltlich aber woanders spielen – wie Nosferatu , Milchzähne oder Ghost Writer – gehen auf literarische Vorlagen zurück. Die Literatur steckt also womöglich auch schon in der Filmförderungs-Statistik, nach der aus einem Euro drei ins Land zurückfließen.
Literatur: Eine unterschätzte Wachstumsbranche
Die Buchbranche macht das besonders greifbar. 2024 erwirtschaftete sie in Deutschland einen Umsatz von 9,88 Milliarden Euro – das entspricht knapp 10 Prozent der gesamten Kreativwirtschaft, die 2021 rund 100 Milliarden Euro umsetzte. Und die Wertschöpfung ist dabei breiter verteilt, als man denkt: Neben den Autor*innen verdienen Verleger*innen, Lektor*innen, Korrektor*innen, Gestalter*innen, Drucker*innen, Vertreter*innen im Vertrieb, Buchhändler*innen und Veranstalter*innen am Buch – und das alles passiert auch in Schleswig-Holstein.
Ein besonders sichtbares Beispiel ist CPI Clausen & Bosse in Leck, auf die uns unsere Gästin Dara Brexendorf aufmerksam machte: sie ist eine der größten Buchdruckereien Deutschlands mit 60 bis 65 Millionen gedruckten Büchern pro Jahr und einem Jahresumsatz von rund 70 Millionen Euro. Dazu kommen freiberufliche Lektor*innen und Korrektor*innen, Verlagsvertreter*innen, die durchs Land reisen, Festivals, Literaturagenturen und Veranstaltungsorte wie das Literaturhaus SH. Was fehlt, sind oft die Studien, die das sichtbar machen – und genau da liegt politischer Handlungsbedarf.
Was die Gäste klar gesagt haben
Besonders wertvoll war für mich, was die Expert*innen aus der Praxis mitgebracht haben. Ingo Hassenstein von PopNet hat deutlich gemacht, dass menschliche Kreativität auch im KI-Zeitalter unersetzlich bleibt.
Dietmar Baum von der IHK zu Lübeck hat die Zahlen auf den Tisch gelegt: 1,2 Milliarden Euro Umsatz im Hansebelt – keine Bettelwirtschaft, sondern eine Wachstumsbranche. Die Botschaft dahinter war klar: Unsere Talente müssen hier im Norden auch gut verdienen können.
© Grüne Fraktion SH Nicola Jones von der MOIN Filmförderung hat auf etwas hingewiesen, das mich als Kulturpolitikerin direkt angeht: Verlässliche Produktionsbedingungen und digitale Infrastrukturen sind keine Extras, sondern Grundvoraussetzungen, um junge Talente im Norden zu halten.
Dara Brexendorf hat als freie Autorin und Literaturvermittlerin – und mit einer Lesung aus ihrem Debütroman „Paradise Beach" – eindrücklich beschrieben, wie wenig maßgeschneiderte Förderung es für junge Literaturschaffende gibt, obwohl gerade sie es sind, die neue Geschichten und neue Perspektiven in die Gesellschaft tragen.
© Grüne Fraktion SH Lukas Eylandt hat als Fotograf und Creative Producer Anreizmodelle und Gründerförderung für den Aufbau von Infrastruktur wie Technikverleihen gefordert.
Und Fabian Filbert von der Live Szene SH hat am Beispiel des Skandaløs-Festivals gezeigt: Kultur braucht keine Großstadt – aber sie braucht praxisnahe Sicherheitsvorschriften und Schutz vor existenziellen Klimarisiken durch Starkwetter.
Ein herzliches Dankeschön geht auch an Sarah Weiß für den wunderschönen musikalischen Abschluss des Abends!
Was strukturell geändert werden müsste
Klar ist: Die Ressourcen sind in der gesamten Wertschöpfungskette ungleich verteilt. Nötig wären verlässlichere staatliche Strukturen – etwa ein garantiertes Abnahmesystem für Bücher nach norwegischem Vorbild, das gerade kleineren Verlagen Planungssicherheit verschafft, oder eine Förderstruktur, die nicht so viel Zeit für Anträge und Bewerbungsprozesse von Künstler*innen und Kulturarbeiter*innen verschlingt.
Ein besonders überzeugendes Beispiel kommt aus Irland: Dort wurde vor einigen Jahren ein Grundeinkommen für Künstlerinnen eingeführt. Die Evaluation der Testphase zeigte, dass es die Existenzängste der Künstler*innen verringert und ihre Abhängigkeit von Nebeneinkünften reduziert hat. Und laut einer Kosten-Nutzen-Analyse der Regierung wurden mehr als die Nettokosten von 72 Millionen Euro wieder hereingeholt – durch gestiegene Ausgaben im Kulturbereich, Produktivitätsgewinne und eine geringere Inanspruchnahme anderer Sozialleistungen. Das zeigt: Investitionen in Künstler*innen zahlen sich aus – auch wirtschaftlich.
Wie es weitergeht
© Grüne Fraktion SH Das Gespräch geht weiter:
Am 1. September laden wir zu „Kultur.Meer.Wert. Teil II" ein – save the date! Mehr Infos folgen in Kürze.
Ein zentrales Ergebnis dieses ersten Abends war der Wunsch nach mehr gemeinsamen Plattformen – Räumen, in denen Künstler*innen, Wirtschaft und Politik stärkere Bündnisse schmieden können. Das nehmen Sebastian Bonau und ich als klaren Auftrag für unsere Arbeit im Landtag mit. Wer in Kreativwirtschaft investiert, investiert in Innovation, Tourismus und regionale Identität – gleichzeitig. Genau dafür stehen wir ein.
© Grüne Fraktion SH